TeamArt
Sinai 2001 | Asturien 2003


Projekt Sinai 2001

Der Versuch einer Gruppe von Kunstschaffenden, eine gemeinsame Arbeit zu verwirklichen an einem Ort, der nur in ihrer Vorstellung lebt. Der Inhalt der Arbeit wird erst vor Ort erdacht und im Team* festgelegt.



Die Voraussetzungen

Gemeinsam wandern wir eine Woche in der Wüste des Sinai, unterwerfen uns mit Hilfe einer Beduinenfamilie den Notwendigkeiten des Wüstenlebens. Der Sinai ist eine Gebirgs- und Sandwüste. Tag- und Nachtrhythmus unserer Wanderung richten sich nach den traditionellen Lebensbedingungen der Beduinen. Sämtliche notwendigen Lebens- und Hilfsmittel werden von Kamelen mitgeführt.

Der Ort, an dem das Projekt entsteht, soll gemeinsam gewählt werden. Die Route der Wanderung ist aufgrund einer vorausgegangenen Sinaireise so festgelegt, dass wir am 5. Tag eine Landschaft erreichen können, die uns günstige Arbeitsbedingungen verspricht. Das Projekt darf weder die Landschaft noch die in ihr lebenden Menschen verletzen. Die Arbeit darf nur aus Materialien bestehen, die vor Ort zu finden sind. Nach Festlegung des Ortes soll jeder der beteiligten Kunstschaffenden seine eigenen Vorstellungen entwickeln und vertreten. Danach muss die Gruppe versuchen, sich auf einen Vorschlag zu einigen, der dann gemeinsam weiterentwickelt und ausgeführt wird. Für die Verwirklichung haben wir zwei Tage Zeit.

Das Ergebnis

Während der vier Tage dauernden Wanderung vor Festlegung des Projektes wechselten Gesteinsarten und Farben des Sinai viele Male. Auch die Bodenstruktur änderte sich ständig. Weicher Sandboden fand sich nur in einigen Bereichen. Oft war der Sand bedeckt mit Steinen wechselnder Größe und Dichte.

Am 5. Tag kamen wir in eine Landschaft, die uns besonders geeignet schien für eine gemeinsame Arbeit. Die Festlegung des Arbeitsfeldes war überraschenderweise für die Gruppe kein Problem, obwohl der Platzsuche ein anstrengender Marsch über einen Pass bei großer Hitze vorausgegangen war. Die gemeinsam erlebten Tage und Nächte waren eine stabile Basis, auf der konstruktive Gespräche gedeihen konnten.



An der ausgewählten Stelle war der ockerfarbene Sand bedeckt mit einem dichten Mosaik flacher, polygonaler Steine von dunkler Farbe, was die Oberfläche fast schwarz erscheinen ließ. Der Boden war recht trittfest, was für die Bearbeitung wichtig war. Die Arbeitstechnik konnte sich auf das Entfernen oder Hinzufügen von Steinen beschränken. Dicht geschichtete Sandsteinplatten in Ocker- und Rottönen umgaben Das Arbeitsfeld. In weiterer Umgebung standen bizarre Felsformationen, die erstiegen werden konnten, um einen Überblick über die Ebene und das Arbeitsfeld zu bekommen. Die einzelnen Künstler entwickelten sehr unterschiedliche Projekte, die naturgemäß der eigenen Arbeitsweise verwandt waren. Während der Diskussion wurde aber bald deutlich, dass unsere Vorstellungen eine gemeinsame Basis hatten. Alle hatten wir den Wunsch, dem allgegenwärtigen Chaos und der Formenvielfalt der Umgebung ein Symbol der Ordnung entgegenzusetzen. Im Laufe des Gesprächs wurden die Formen, die in Frage kamen, mehr und mehr reduziert. Der Einigung auf ein System von Linien folgte am Ende die Reduktion auf ein Band, das die Enden des Feldes verbinden sollte. Vor großer Bedeutung war die Festlegung der Arbeitstechnik. Die schwarzen Steine wurden in einer Breite von einem Meter nur zu einer Seite geschoben und dort zu einem Wall gehäuft. Dieser einseitige Grat, der besonders im schräg einfallenden Licht einen markanten Schatten wirft, unterstreicht die Arbeit und hebt sie aus dem Chaos heraus. Beeindruckend für alle Teilnehmer war, wie selbstverständlich jedes Mitglied der Gruppe seinen Platz und seine Art zu arbeiten fand. Wir benötigten keine Führungsperson, die die Arbeit einteilte oder zuwies. Es gelang, das Projekt an einem Tag fertig zu stellen.

Der besondere Reiz unserer Arbeit entstand aber aus einer eher beiläufigen Eigenschaft der Bodenform. Das Gelände enthält eine sanfte Welle quer zur Bandrichtung. So erscheint das Band nur aus einem Blickwinkel von 0 Grad als exakte Gerade. Alle anderen Betrachtungswinkel zeigen das Band wellenförmig, wodurch es zu schweben beginnt. "Alatul" bedeutet im Arabischen "geradeaus". In der Wüste gelangt man zu den wichtigen Orten, wenn man "alatul" geht. Der Vorschlag, die Arbeit so zu nennen, ist ein Symbol für den Verlauf der gesamten Reise. Wenn wir zurückdenken, staunen wir noch immer, wie geradlinig Träume wahr werden können.

* Rainer Grübner, Wolfgang Mussgnug, Bernd. R. Salfner, Beate Stog

(Projektidee und Text: Bernd R. Salfner; Fotos: Grit Schumacher)